
Ein Gespräch mit Anastasia Hermann, Uni Hohenheim
Anastasia Hermann arbeitet am Zentrum für Betriebswirtschaft im Gartenbau (ZBG) an der Universität Hohenheim und gehört zum Kernteam des Forschungsprojekts zur Nachhaltigkeitsbewertung im Gartenbau. Dieses Projekt entwickelt wissenschaftliche Grundlagen und einen Prototyp für ein Nachhaltigkeitsbewertungssystem für Gartenbaubetriebe. Im Gespräch mit der Gartenbau-Versicherung erzählt sie von ihrer Arbeit und erklärt die Relevanz für den Gartenbau.
Warum gewinnt Nachhaltigkeit für Gartenbaubetriebe so stark an Bedeutung?
Nachhaltigkeit gewinnt im Gartenbau vor allem deshalb an Bedeutung, weil sich die Rahmenbedingungen für die Betriebe verändern. Politische Vorgaben der EU haben diese Entwicklung zwar angestoßen, die wichtigsten Impulse kommen heute jedoch häufig aus dem Markt. Vor allem der Handel, aber zunehmend auch Banken, erwarten belastbare Nachhaltigkeitsdaten und entsprechende Nachweise. Für viele Gartenbaubetriebe geht es daher nicht mehr nur um freiwilliges Engagement, sondern zunehmend um Wettbewerbsfähigkeit, den Zugang zu Absatzmärkten und langfristig auch zu Finanzierungsmöglichkeiten.
Nachhaltigkeit im Gartenbau: Welche Aspekte gehören aus Ihrer Sicht dazu?
Nachhaltigkeit bedeutet deutlich mehr als Umwelt- oder Klimaschutz. Im Projekt orientieren wir uns am klassischen Drei-Säulen-Modell. Dazu gehören ökologische Themen wie Energie, Wasser oder Biodiversität, aber genauso soziale Aspekte, zum Beispiel Arbeitssicherheit, Qualifizierung oder faire Bezahlung. Die wirtschaftliche Seite ist ebenfalls wichtig. Ein Betrieb kann nur nachhaltig sein, wenn er langfristig wirtschaftlich erfolgreich ist und investieren kann. Deshalb betrachten wir auch wirtschaftliche Kennzahlen wie Rentabilität, Liquidität, Produktivität oder die Investitionsfähigkeit eines Betriebs.
Sie arbeiten an einem System zur Nachhaltigkeitsbewertung im Gartenbau. Was ist das Ziel eines solchen Bewertungssystems? Und nach welchen Kriterien wird gemessen?
Unser Ziel ist es, die wissenschaftlichen Grundlagen und den methodischen Rahmen für ein praxisnahes Nachhaltigkeitsbewertungssystem zu erarbeiten. Welche Indikatoren verwendet werden, wie sie gewichtet werden und was im Gartenbau als nachhaltig gilt, entscheidet der Nachhaltigkeitsrat für den deutschen Gartenbau (NRG). Das ist bewusst so, denn Nachhaltigkeit ist immer auch eine normative Frage.
Der Nachhaltigkeitsrat setzt sich aus Vertreterinnen und Vertretern der Praxis, Wissenschaft, Beratung und des Marktes zusammen. In regelmäßigen Sitzungen werden die Inhalte gemeinsam beschlossen. Für die Produktionssysteme Topfpflanzen und Unterglasgemüsebau liegen bereits einstimmig verabschiedete Indikatorenkataloge vor.
Für die Bewertung ist es unsere Aufgabe, Praxisdaten, wissenschaftliche Erkenntnisse und Expertenwissen aufzubereiten. Auf dieser Grundlage legt der Nachhaltigkeitsrat Orientierungswerte fest und entscheidet, ab wann ein Betrieb in einem Basisthema – etwa Energie, Bezahlung oder Liquidität – als nachhaltig gilt.
Gartenbaubetriebe sind sehr unterschiedlich – vom Zierpflanzenbetrieb bis zum Gemüseproduzenten. Wie lässt sich ein Bewertungssystem entwickeln, das dieser Vielfalt gerecht wird?
Um dieser Vielfalt gerecht zu werden, entwickeln wir kein einheitliches Bewertungssystem für alle Gartenbaubetriebe, sondern erarbeiten spartenspezifische Indikatorenkataloge. Diese werden in mehreren Feedbackschleifen gemeinsam mit Fachexpertinnen und -experten geprüft und weiterentwickelt. Die Basisthemen bleiben aber für alle Sparten gleich.
Welche Nachhaltigkeitsbereiche stellen die Betriebe aktuell vor die größten Herausforderungen?
Viele Betriebe haben die Maßnahmen umgesetzt, die sich vergleichsweise einfach realisieren lassen. Schwieriger wird es bei größeren Investitionen, beispielsweise in Energieeffizienz oder Klimaanpassung. Hier spielen hohe Kosten und wirtschaftliche Unsicherheiten eine wichtige Rolle. Gleichzeitig empfinden viele Betriebe den bürokratischen Aufwand als große Herausforderung. Nachhaltigkeitsdaten müssen häufig mehrfach für unterschiedliche Abnehmer erfasst werden, da einheitliche Standards und digitale Schnittstellen oft noch fehlen.
Welchen Nutzen haben Gartenbaubetriebe von einer Nachhaltigkeitsbewertung, unabhängig von gesetzlichen Vorgaben oder Berichtspflichten?
Eine Nachhaltigkeitsbewertung hilft Betrieben zunächst dabei, den eigenen Betrieb besser kennenzulernen: wo liegen die Stärken, wo gibt es Verbesserungspotenzial. Wer die dafür nötigen Daten strukturiert erfasst, ist außerdem gut vorbereitet, wenn Handel oder Banken künftig danach fragen – und spart sich später Aufwand.
Wenn Sie fünf Jahre in die Zukunft blicken: Welche Rolle wird die Nachhaltigkeitsbewertung dann im Gartenbau spielen?
Ich denke, dass Nachhaltigkeitsbewertungen in fünf Jahren deutlich selbstverständlicher sein werden. Diese Einschätzung teilen auch die Expertinnen und Experten aus unserem ZBG-Beraternetzwerk. Sie gehen davon aus, dass die Anforderungen an die Betriebe weiter zunehmen werden. Zwar werden voraussichtlich nicht alle Gartenbaubetriebe gesetzlich berichtspflichtig sein, dennoch werden insbesondere Handel, aber auch Banken und möglicherweise Versicherungen verstärkt standardisierte, digitale und nachvollziehbare Nachhaltigkeitsdaten einfordern. Eine strukturierte Dokumentation der Nachhaltigkeitsleistung wird damit zunehmend selbst zur Voraussetzung für den Zugang zu Märkten und Finanzierung.
Welche Zusammenhänge sehen Sie zwischen Nachhaltigkeit und betrieblicher Resilienz gegenüber Risiken wie Extremwetter, Energiepreisschwankungen oder Fachkräftemangel?
Nachhaltigkeit und Resilienz hängen eng zusammen. Viele Maßnahmen, wie ein geringerer Energieverbrauch, eine wassersparende Bewässerung oder gute Arbeitsbedingungen, machen Betriebe gleichzeitig widerstandsfähiger gegenüber Krisen. Viele Gartenbaubetriebe denken diese Aspekte bereits heute mit. Wer sich jedoch frühzeitig systematisch mit Nachhaltigkeit beschäftigt, kann Risiken besser begegnen und den Betrieb langfristig zukunftssicher und wettbewerbsfähig aufstellen.